Mangel an Phantasie
Es war tatsächlich so, dass eine solche Katastrophe allgemein und schlechthin
nicht für möglich gehalten wurde. Das Unvermögen des modernen
Massenmenschen, sich die Natur noch als Bedrohung vorzustellen, spiegelt sich
auch in dieser Katastrophe: in den zu niedrigen und schwachen Deichen, in den
Dämmen, die man für sicher hielt und nicht verteidigte, in der Sorglosigkeit.
Man hatte auch die Phantasie nicht, sich vorzustellen, was passieren könnte.
Nach der schweren „Hollandflut“ von 1953, die besonders in den
Niederlanden schwere Schäden anrichtete und dort 1850 Menschleben forderte,
waren die Deiche in Hamburg überprüft und auf einigen Strecken verstärkt,
zum Teil auch erhöht wurden. Ab 1963 sollte eine Erhöhung der Deiche
generell auf NN + 6,50 m vorgenommen werden. Maßgebend für die Hamburger
Hochwasserschutzanlagen, war der bis dahin höchste bekannte Wasserstand
im Elbegebiet, der Sturmflut von 1825, NN + 5,24 m. Zu spät, wie sich
bald zeigen sollte!
Mit bis zu 160 Stundenkilometern stürmt im Februar 1962 ein Orkan über
die deutsche Nordseeküste - „Vincinente“, die Siegreiche – droht
Inseln und Küsten zu überspülen. Die Hamburger wähnen sich
in Sicherheit und vertrauen ihren Deichen. Doch in der Nacht vom 16. auf 17.
Februar geben die Dämme nach.
Der Sturm „Vincinente“
Die schwere Sturmflut erreicht am Pegel St. Pauli einen
Wasserstand von NN + 5,70 m, 46 cm höher als der bis dahin höchste bekannte Stand
der Sturmflut von 1825. Dieser ungewöhnlich hohe Wasserstand war verursacht
von einem lange anhaltenden Sturm über der nördlichen Nordsee,
und in einem ausgedehnten Windfeld über der Deutschen Bucht mit Windstärke
9 Beaufort in Windrichtung Westnordwest, in einzelnen Böen bis Stärke
12 Beaufort. Hinzu kam der Einfluß einer Fernwelle, der bei Cuxhaven
fast einen Meter ausmachte.
„Für das Zustandekommen der abnorm
hohen Flutwelle in der Nacht zum 17. Februar wird nicht nur die lange Dauer
des Sturmes (in Hamburg lag 45 Stunden lang die mittlere Windstärke
bei 6 und mehr), sondern auch die Lage und große Ausdehnung des Nordweststurmfeldes
maßgebend gewesen sein. Es erstreckte sich am 16. Februar nachmittags,
als die Kaltfront Norddeutschland erreicht hatte, in seiner Länge von
Norddeutschland bis nach Island und zum Nordmeer, in seiner Breite von Südskandinavien
bis Irland. Seine Stoßrichtung zielte auf die Deutsche Bucht.“ laut
dem Bericht des Seewetteramtes Hamburg in seinem Bericht.
Der Höhepunkt
des Sturmes trat ein am 16. Februar abends um 22:00 Uhr in der Deutschen
Bucht.
Eine ungeheure Flutwelle
Die Flutwelle traf 40 Minuten vor der berechneten Zeit
in Hamburg ein, und der Wasserstand der Sturmflut von 1825 wurde 3,5 Stunden überschritten.
„Während
bei allen bisher vorliegenden Messungen vergleichbarer Sturmfluten der letzten
Jahrhunderte - auch bei der Flut von 1825 - der höchste Stand in Cuxhaven
oder Otterndorf eingetreten war und dann elbaufwärts allmählich
niedriger wurde, war diesmal fast bis nach Hamburg kaum ein Rückgang
festzustellen. Die Flutwelle wurde durch den ständig gleichbleibenden
Nordweststurm mit einer solchen Wucht in die trichterförmige Elbmündung
hineingepresst, dass vielfach sogar die Pegel ausfielen. Das hätte vordem
kein Mensch für möglich gehalten“, schreibt Regierungsrat
Dr. Müller von der Wetterwarte Cuxhaven.
So großer Belastung waren
die alten Deiche nicht gewachsen. Es kam zu Deichüberflutungen auf langen
Strecken mit schwersten Schäden und Deichbrüchen in wenigen Stunden. Über
die Deiche und durch die Deichlücken ergoss sich das Wasser auf hamburgisches
Gebiet. Alle Verkehrswege die Hamburg mit dem Süden verbinden, wurden
unterbrochen und standen fast eine Woche lang unter Wasser.
Die Katastrophe
An sechzig Stellen bricht das Wasser durch und überrascht die Menschen
in Wilhelmsburg, Francop, Moorburg, Altenwerder, Neuenfelde, Cranz und Finkenwerder
im Schlaf. Die Durchbruchstellen waren zusammengerechnet etwa 2,5 Kilometer
lang. Außerdem waren an 45 Stellen die Deiche so schwer beschädigt
worden, dass bei anhaltendem Hochwasser weitere Deichbrüche drohten. Allein
von dem 18 Km langen Elbdeich zwischen Moorburg und Cranz waren insgesamt etwa
10 Km beschädigt, wenn auch nicht überall gebrochen.
Die größten
Schäden traten im Süderelbegebiet ein, die folgenschwersten am Spreehafen
im Norden Wilhelmsburg. Als hier um zwei Uhr nachts der Damm des Berliner Ufers
fortgespült wurde, ergoss sich die Flutwelle mit großer Gewalt in
das tiefliegende Schrebergartengelände und überflutete in kurzer
Zeit ganz Wilhelmsburg. Dabei verloren über 200 Menschen ihr Leben. Schätzungsweise
100.000 Menschen sind vom Wasser eingeschlossen. Sie warten auf Bäumen,
Dächern, Böden und in den oberen Stockwerken der Häuser auf
Rettung.
Hier seihen in zeitlicher Folge einige
der zahllosen und sich überstürzenden
Katastrophemeldungen vom 16. und 17. Februar, wie sie sich in Aufzeichnungen
erhalten haben, und andere Fakten wiedergegeben. Sie geben ein eindrucksvolles,
sich fast von Stunde zu Stunde dramatisch steigerndes Bild:
Freitag, 16. Februar 1962
| 11:50 Uhr |
Eine Bö mit einer Geschwindigkeit
vom 38 m in der Sekunde (=136,8 km in der Stunde) braust über Hamburg
hinweg. |
| 17:30 Uhr |
Die Bahnhofshalle Veddel steht
unter Wasser. |
| 20:28 Uhr |
Der Pegel Cuxhaven, der Meldepegel
für Hamburg, fällt wegen Überschreitung des Höchstpegelstandes
aus. |
| 20:33 Uhr |
Warnung über den Rundfunk (NDR,
Mittelwelle): sehr schwere Sturmflut. |
| 21:00 Uhr |
Die Baubehörde erhält eine
Meldung über das Hochwasser, das für 03:46 Uhr NN + 4,20 m – 4,70
m erwarten lässt. Daraufhin wird die höchste vorgesehene Alarmstufe
gegeben. |
| 21:45 Uhr |
Wiederholung der Rundfunkwarnung. |
| 21:53 Uhr |
Erster Deichbruch in Cuxhaven. |
| 22:15 Uhr |
Wiederholung der Warnung über
das Fernsehen (Tagesschau) |
| 22:45 Uhr |
Alarm für die Harburger Pioniere,
kurz darauf für andere Hilfsorganisationen. |
| 23:00 Uhr |
Das Tiefbauamt weist die Deichbauverbände
darauf hin, dass die Deiche sehr gefährdet und Deichbrüche
zu befürchten seien. |
| 23:15 Uhr |
Wiederholung der Rundfunkwarnung auf
Mittelwelle. |
| 24:00 Uhr |
Lagebericht im Rundfunk, in dem auch
die Überflutungen im Hamburger Stadtgebiet erwähnt werden. |
Samstag, 17. Februar 1962
| 00:00 Uhr |
Der Westerdeich auf Finkenwerder läuft über, über
den Flugplatz dringt Wasser auf einer Breite von ca. 300 m ein.
- Kurz
nach Mitternacht wird wieder eine Bö mit einer Geschwindigkeit vom
39 m/sec. (140 km/h) vom Seewetteramt gemessen. |
| 00:02 Uhr |
Der Neue Deich in Neuenfelde wird unterspült. |
| 00:10 Uhr |
Die Polizei alarmiert mit Blaulicht,
Sirenen und Lautsprechern die Wilhelmsburger Bevölkerung. |
| 00:14 Uhr |
Deichbruch im Neuenfelder Rosengarten. |
| 00:15 Uhr |
Deiche bei Neuenfelde und Altenwerder
werden überflutet. |
| 00:18 Uhr |
Der Köhlbranddeich in Neuhof läuft über. |
| 00:22 Uhr |
Über den Neuenfelder Deich läuft
Wasser. |
| 00:28 Uhr |
Hohenwischer Deich in Francop überspült. |
| 00:30 Uhr |
Mehr als fünfzig Deichbrüche. |
| 00:32 Uhr |
Im Neuenfelder Rosengarten Menschenleben
in Gefahr. |
| 00:51 Uhr |
Im Alten Schlachthof Wilhelmsburg Menschen
vom Wasser eingeschlossen. |
| 01:00 Uhr |
Die Übertragung des Hamburger
Pegelstandes an das Hydrographische Institut versagt. Wasserstand NN
+ 5,10 m. |
| 01:15 Uhr |
Wasser schwappt über den Reiherstiegdeich
im Nordwesten Wilhelmsburgs.
- Deichbruch in Neuenfelde. |
| 01:17 Uhr |
Die Fluttore der Vering-Schleuse drohen
zu brechen. |
| 01:30 Uhr |
Deichbrüche in Moorburg.
- Finkenwerder Auedeich gebrochen. |
| 01:50 Uhr |
Ernst-August-Schleuse überflutet. |
| 02:00 Uhr |
Weitere Deichbrüche in Moorburg,
Neuland, Francop und am Spreehafen.
– Das Hydrographische Institut
misst mit Behelfsmitteln den Wasserstand: NN + 5,50 m. |
| 02:05 Uhr |
Wassereinbruch im (alten) Elbtunnel.
Alter Wall in Hamburg überspült. |
| 02:10 Uhr |
Der Strom fällt in vielen Hamburger
Stadteilen aus. Mehrere Kraftwerke überflutet. |
| 02:15 Uhr |
Weitere Deichbrüche in Neuenfelde
und Francop. |
| 02:03 Uhr |
Deichbrüche in Francop und Bullenhausen.
– Der
Deich am Spreehafen bricht an weiteren Stellen. |
| 02:50 Uhr |
Deichbruch in Cranz. |
| 03:00 Uhr |
Wilhelmsburger Reichsstrasse unter
Wasser. |
| 03:07 Uhr |
Die Flut erreicht mit NN + 5,73 m am
St. Pauli Pegel ihren höchsten Stand, 39 Minuten früher als
vorausberechnet. |
| 03:15 Uhr |
Deichbrüche am Stillhorner Deich
und in Moorfleet an der Autobahn. |
| 03:30 Uhr |
Die ersten Fernleitungen der Post fallen
aus. Zugverkehr Hamburg-Harburg gesperrt. |
| 04:00 Uhr |
Deichbruch Altenwerder Elbdeich. |
| 04:09 Uhr |
Die Leistung der Hamburger Elektrizitätswerke
sinkt von 1,15 Millionen Kilowatt auf 110.000 Kilowatt. |
| 07:00 Uhr |
Uhr Erste Lagebesprechung des Katastropheneinsatzeinsatzstabes. |
| 09:00 Uhr |
Fernsprechverkehr in Hamburg lahmgelegt.
Durch Ausfall von Strom bleiben die meisten Hamburger nördlich der
Elbe über die Katastrophe im Unklaren. |
| 09:05 Uhr |
Auf den Flugplätzen Bückeburg,
Celle und Rheine starten 135 NATO-Hubschrauber und helfen bei der Bergung
von Menschen. |
Bilanz der Katastrophe:
Die größte Flut, die Hamburg im 20. Jahrhundert
bis dahin erlebt hat, überschwemmt
ein Sechstel des hamburgischen Stadtgebietes. 12.000 ha. rund 220 Millionen
Kubikmeter Wasser waren in das Überschwemmungsgebiet zwischen Este und
Bunthäuser Spitze eingedrungen. 60.000 Menschen werden obdachlos, 12.000
zerstörte Wohnungen. Mehr als 20.000 Menschen mussten für längere
Zeit aus dem Überschwemmungsgebiet evakuiert werden. Ähnlich war
es an den Nebenflüssen der Unterelbe, der Este, Schwinge, Lühe und
Stör, in die das Wasser hineingepresst wurde und noch bis an die Geestrand-Städte
eindrang.
315 Menschen kommen ums Leben, davon 5 Helfer.
( 277 Hamburger: 223 Wilhelmsburger (20 Kinder unter 10 J.), 10 Moorfleeter,
39 Waltershofer (9 Kinder unter 10J.), 8 Neuenfelder, 8 Moorburger (2 Kinder
unter 10 J.), 2 Francoper, 4 Finkenwerder.)
Von den Tierbeständen in landwirtschaftlichen Betrieben sind etwa 1500
Rinder, 2300 Schweine, 125 Pferde, 100 Schafe und Ziegen, 19.300 Federvieh
im Wasser umgekommen. Außerdem haben private Tierhalter eine große
Anzahl von Tierbeständen verloren.
Am 17. Februar 00:25 Uhr sind 77 Polizeiwagen (Peterwagen) eingesetzt, um
03:50 Uhr 1500 Soldaten, Polizisten und andere Helfer.
Am 18. Februar sind 15.000 Helfer, 200 Schlauchboote, 20 deutsche Hubschrauber
und 65 NATO-Hubschrauber eingesetzt.
Am 19. Februar befinden sich 15.000 Menschen in Notunterkünften. 25.000
Helfer sind jetzt tätig. Die erste Totenliste wird im Hamburger Einwohnermeldeamt
ausgelegt. Nördlich der Elbe können Stromversorgung und Fernsprechverkehr
zum größten Teil wiederaufgenommen werden.
Am 21. Februar tritt die Hamburger Bürgerschaft zu einer Sondersitzung
zusammen. Bürgermeister Dr. Nevermann kündigt ein neues Deichsystem
mit neuer Linienführung an.
Am Montag, dem 26. Februar, versammelte sich die Hamburger
Bevölkerung
zu einer Trauerfeier für die Opfer auf dem Rathausplatz. Weit über
100.000 Menschen waren gekommen. Abordnungen aus dem Rettungswerk flankieren
das Podium, auf dem sich Vertreter des Bundestages, der Bundesregierung, der
Kirchen, der Länderregierungen und das Konsularkorps versammelt hatten.
Vor dem Podium saßen in einem Geviert die Hinterbliebenen. Die Glocken
aller Hamburger Kirchen läuteten die Feier ein.
Bundespräsident Heinrich Lübke: „Wir
gedenken in stiller Fürbitte
unserer Toten, die der Flut zum Opfer fielen. Möge Gott ihnen seinen Frieden
und ihren Angehörigen seinen Trost schenken.“
Fotos: Peter Allgeier, Günther Mewes.
Quellenangaben:
Die große Flut 1962, Schulbehörde Freie und Hansestadt Hamburg, 1962.
Sturmfluten und Hochwasserschutz in Hamburg, Baubehörde Freie und Hansestadt Hamburg, 1992.
De Kössenbitter, Mitteilungsblatt des Kulturkreises Finkenwerder.
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