1962 - Sturmflutkatastrophe Drucken
Finkenwerder Geschichte - Chronik 1900 - 1999

Die Bedrohung


Mangel an Phantasie
Es war tatsächlich so, dass eine solche Katastrophe allgemein und schlechthin nicht für möglich gehalten wurde. Das Unvermögen des modernen Massenmenschen, sich die Natur noch als Bedrohung vorzustellen, spiegelt sich auch in dieser Katastrophe: in den zu niedrigen und schwachen Deichen, in den Dämmen, die man für sicher hielt und nicht verteidigte, in der Sorglosigkeit. Man hatte auch die Phantasie nicht, sich vorzustellen, was passieren könnte.

Nach der schweren „Hollandflut“ von 1953, die besonders in den Niederlanden schwere Schäden anrichtete und dort 1850 Menschleben forderte, waren die Deiche in Hamburg überprüft und auf einigen Strecken verstärkt, zum Teil auch erhöht wurden. Ab 1963 sollte eine Erhöhung der Deiche generell auf NN + 6,50 m vorgenommen werden. Maßgebend für die Hamburger Hochwasserschutzanlagen, war der bis dahin höchste bekannte Wasserstand im Elbegebiet, der Sturmflut von 1825, NN + 5,24 m. Zu spät, wie sich bald zeigen sollte!

Mit bis zu 160 Stundenkilometern stürmt im Februar 1962 ein Orkan über die deutsche Nordseeküste - „Vincinente“, die Siegreiche – droht Inseln und Küsten zu überspülen. Die Hamburger wähnen sich in Sicherheit und vertrauen ihren Deichen. Doch in der Nacht vom 16. auf 17. Februar geben die Dämme nach.

Der Sturm „Vincinente“
Die schwere Sturmflut erreicht am Pegel St. Pauli einen Wasserstand von NN + 5,70 m, 46 cm höher als der bis dahin höchste bekannte Stand der Sturmflut von 1825. Dieser ungewöhnlich hohe Wasserstand war verursacht von einem lange anhaltenden Sturm über der nördlichen Nordsee, und in einem ausgedehnten Windfeld über der Deutschen Bucht mit Windstärke 9 Beaufort in Windrichtung Westnordwest, in einzelnen Böen bis Stärke 12 Beaufort. Hinzu kam der Einfluß einer Fernwelle, der bei Cuxhaven fast einen Meter ausmachte.
Für das Zustandekommen der abnorm hohen Flutwelle in der Nacht zum 17. Februar wird nicht nur die lange Dauer des Sturmes (in Hamburg lag 45 Stunden lang die mittlere Windstärke bei 6 und mehr), sondern auch die Lage und große Ausdehnung des Nordweststurmfeldes maßgebend gewesen sein. Es erstreckte sich am 16. Februar nachmittags, als die Kaltfront Norddeutschland erreicht hatte, in seiner Länge von Norddeutschland bis nach Island und zum Nordmeer, in seiner Breite von Südskandinavien bis Irland. Seine Stoßrichtung zielte auf die Deutsche Bucht.“ laut dem Bericht des Seewetteramtes Hamburg in seinem Bericht.
Der Höhepunkt des Sturmes trat ein am 16. Februar abends um 22:00 Uhr in der Deutschen Bucht.

Die Katastrophe


Eine ungeheure Flutwelle
Die Flutwelle traf 40 Minuten vor der berechneten Zeit in Hamburg ein, und der Wasserstand der Sturmflut von 1825 wurde 3,5 Stunden überschritten.
Während bei allen bisher vorliegenden Messungen vergleichbarer Sturmfluten der letzten Jahrhunderte - auch bei der Flut von 1825 - der höchste Stand in Cuxhaven oder Otterndorf eingetreten war und dann elbaufwärts allmählich niedriger wurde, war diesmal fast bis nach Hamburg kaum ein Rückgang festzustellen. Die Flutwelle wurde durch den ständig gleichbleibenden Nordweststurm mit einer solchen Wucht in die trichterförmige Elbmündung hineingepresst, dass vielfach sogar die Pegel ausfielen. Das hätte vordem kein Mensch für möglich gehalten“, schreibt Regierungsrat Dr. Müller von der Wetterwarte Cuxhaven.
So großer Belastung waren die alten Deiche nicht gewachsen. Es kam zu Deichüberflutungen auf langen Strecken mit schwersten Schäden und Deichbrüchen in wenigen Stunden. Über die Deiche und durch die Deichlücken ergoss sich das Wasser auf hamburgisches Gebiet. Alle Verkehrswege die Hamburg mit dem Süden verbinden, wurden unterbrochen und standen fast eine Woche lang unter Wasser.

Die Katastrophe
An sechzig Stellen bricht das Wasser durch und überrascht die Menschen in Wilhelmsburg, Francop, Moorburg, Altenwerder, Neuenfelde, Cranz und Finkenwerder im Schlaf. Die Durchbruchstellen waren zusammengerechnet etwa 2,5 Kilometer lang. Außerdem waren an 45 Stellen die Deiche so schwer beschädigt worden, dass bei anhaltendem Hochwasser weitere Deichbrüche drohten. Allein von dem 18 Km langen Elbdeich zwischen Moorburg und Cranz waren insgesamt etwa 10 Km beschädigt, wenn auch nicht überall gebrochen.
Die größten Schäden traten im Süderelbegebiet ein, die folgenschwersten am Spreehafen im Norden Wilhelmsburg. Als hier um zwei Uhr nachts der Damm des Berliner Ufers fortgespült wurde, ergoss sich die Flutwelle mit großer Gewalt in das tiefliegende Schrebergartengelände und überflutete in kurzer Zeit ganz Wilhelmsburg. Dabei verloren über 200 Menschen ihr Leben. Schätzungsweise 100.000 Menschen sind vom Wasser eingeschlossen. Sie warten auf Bäumen, Dächern, Böden und in den oberen Stockwerken der Häuser auf Rettung.

Hier seihen in zeitlicher Folge einige der zahllosen und sich überstürzenden Katastrophemeldungen vom 16. und 17. Februar, wie sie sich in Aufzeichnungen erhalten haben, und andere Fakten wiedergegeben. Sie geben ein eindrucksvolles, sich fast von Stunde zu Stunde dramatisch steigerndes Bild:


Freitag, 16. Februar 1962
11:50 Uhr Eine Bö mit einer Geschwindigkeit vom 38 m in der Sekunde (=136,8 km in der Stunde) braust über Hamburg hinweg.
17:30 Uhr Die Bahnhofshalle Veddel steht unter Wasser.
20:28 Uhr Der Pegel Cuxhaven, der Meldepegel für Hamburg, fällt wegen Überschreitung des Höchstpegelstandes aus.
20:33 Uhr Warnung über den Rundfunk (NDR, Mittelwelle): sehr schwere Sturmflut.
21:00 Uhr Die Baubehörde erhält eine Meldung über das Hochwasser, das für 03:46 Uhr NN + 4,20 m – 4,70 m erwarten lässt. Daraufhin wird die höchste vorgesehene Alarmstufe gegeben.
21:45 Uhr Wiederholung der Rundfunkwarnung.
21:53 Uhr Erster Deichbruch in Cuxhaven.
22:15 Uhr Wiederholung der Warnung über das Fernsehen (Tagesschau)
22:45 Uhr Alarm für die Harburger Pioniere, kurz darauf für andere Hilfsorganisationen.
23:00 Uhr Das Tiefbauamt weist die Deichbauverbände darauf hin, dass die Deiche sehr gefährdet und Deichbrüche zu befürchten seien.
23:15 Uhr Wiederholung der Rundfunkwarnung auf Mittelwelle.
24:00 Uhr Lagebericht im Rundfunk, in dem auch die Überflutungen im Hamburger Stadtgebiet erwähnt werden.


Samstag, 17. Februar 1962
00:00 Uhr Der Westerdeich auf Finkenwerder läuft über, über den Flugplatz dringt Wasser auf einer Breite von ca. 300 m ein.
- Kurz nach Mitternacht wird wieder eine Bö mit einer Geschwindigkeit vom 39 m/sec. (140 km/h) vom Seewetteramt gemessen.
00:02 Uhr Der Neue Deich in Neuenfelde wird unterspült.
00:10 Uhr Die Polizei alarmiert mit Blaulicht, Sirenen und Lautsprechern die Wilhelmsburger Bevölkerung.
00:14 Uhr Deichbruch im Neuenfelder Rosengarten.
00:15 Uhr Deiche bei Neuenfelde und Altenwerder werden überflutet.
00:18 Uhr Der Köhlbranddeich in Neuhof läuft über.
00:22 Uhr Über den Neuenfelder Deich läuft Wasser.
00:28 Uhr Hohenwischer Deich in Francop überspült.
00:30 Uhr Mehr als fünfzig Deichbrüche.
00:32 Uhr Im Neuenfelder Rosengarten Menschenleben in Gefahr.
00:51 Uhr Im Alten Schlachthof Wilhelmsburg Menschen vom Wasser eingeschlossen.
01:00 Uhr Die Übertragung des Hamburger Pegelstandes an das Hydrographische Institut versagt. Wasserstand NN + 5,10 m.
01:15 Uhr Wasser schwappt über den Reiherstiegdeich im Nordwesten Wilhelmsburgs.
- Deichbruch in Neuenfelde.
01:17 Uhr Die Fluttore der Vering-Schleuse drohen zu brechen.
01:30 Uhr Deichbrüche in Moorburg.
- Finkenwerder Auedeich gebrochen.
01:50 Uhr Ernst-August-Schleuse überflutet.
02:00 Uhr Weitere Deichbrüche in Moorburg, Neuland, Francop und am Spreehafen.
– Das Hydrographische Institut misst mit Behelfsmitteln den Wasserstand: NN + 5,50 m.
02:05 Uhr Wassereinbruch im (alten) Elbtunnel. Alter Wall in Hamburg überspült.
02:10 Uhr Der Strom fällt in vielen Hamburger Stadteilen aus. Mehrere Kraftwerke überflutet.
02:15 Uhr Weitere Deichbrüche in Neuenfelde und Francop.
02:03 Uhr Deichbrüche in Francop und Bullenhausen.
– Der Deich am Spreehafen bricht an weiteren Stellen.
02:50 Uhr Deichbruch in Cranz.
03:00 Uhr Wilhelmsburger Reichsstrasse unter Wasser.
03:07 Uhr Die Flut erreicht mit NN + 5,73 m am St. Pauli Pegel ihren höchsten Stand, 39 Minuten früher als vorausberechnet.
03:15 Uhr Deichbrüche am Stillhorner Deich und in Moorfleet an der Autobahn.
03:30 Uhr Die ersten Fernleitungen der Post fallen aus. Zugverkehr Hamburg-Harburg gesperrt.
04:00 Uhr Deichbruch Altenwerder Elbdeich.
04:09 Uhr Die Leistung der Hamburger Elektrizitätswerke sinkt von 1,15 Millionen Kilowatt auf 110.000 Kilowatt.
07:00 Uhr Uhr Erste Lagebesprechung des Katastropheneinsatzeinsatzstabes.
09:00 Uhr Fernsprechverkehr in Hamburg lahmgelegt. Durch Ausfall von Strom bleiben die meisten Hamburger nördlich der Elbe über die Katastrophe im Unklaren.
09:05 Uhr Auf den Flugplätzen Bückeburg, Celle und Rheine starten 135 NATO-Hubschrauber und helfen bei der Bergung von Menschen.

Bilanz der Katastrophe


Bilanz der Katastrophe:
Die größte Flut, die Hamburg im 20. Jahrhundert bis dahin erlebt hat, überschwemmt ein Sechstel des hamburgischen Stadtgebietes. 12.000 ha. rund 220 Millionen Kubikmeter Wasser waren in das Überschwemmungsgebiet zwischen Este und Bunthäuser Spitze eingedrungen. 60.000 Menschen werden obdachlos, 12.000 zerstörte Wohnungen. Mehr als 20.000 Menschen mussten für längere Zeit aus dem Überschwemmungsgebiet evakuiert werden. Ähnlich war es an den Nebenflüssen der Unterelbe, der Este, Schwinge, Lühe und Stör, in die das Wasser hineingepresst wurde und noch bis an die Geestrand-Städte eindrang.

315 Menschen kommen ums Leben, davon 5 Helfer.
( 277 Hamburger: 223 Wilhelmsburger (20 Kinder unter 10 J.), 10 Moorfleeter, 39 Waltershofer (9 Kinder unter 10J.), 8 Neuenfelder, 8 Moorburger (2 Kinder unter 10 J.), 2 Francoper, 4 Finkenwerder.)

Von den Tierbeständen in landwirtschaftlichen Betrieben sind etwa 1500 Rinder, 2300 Schweine, 125 Pferde, 100 Schafe und Ziegen, 19.300 Federvieh im Wasser umgekommen. Außerdem haben private Tierhalter eine große Anzahl von Tierbeständen verloren.

Am 17. Februar 00:25 Uhr sind 77 Polizeiwagen (Peterwagen) eingesetzt, um 03:50 Uhr 1500 Soldaten, Polizisten und andere Helfer.

Am 18. Februar sind 15.000 Helfer, 200 Schlauchboote, 20 deutsche Hubschrauber und 65 NATO-Hubschrauber eingesetzt.

Am 19. Februar befinden sich 15.000 Menschen in Notunterkünften. 25.000 Helfer sind jetzt tätig. Die erste Totenliste wird im Hamburger Einwohnermeldeamt ausgelegt. Nördlich der Elbe können Stromversorgung und Fernsprechverkehr zum größten Teil wiederaufgenommen werden.

Am 21. Februar tritt die Hamburger Bürgerschaft zu einer Sondersitzung zusammen. Bürgermeister Dr. Nevermann kündigt ein neues Deichsystem mit neuer Linienführung an.

Am Montag, dem 26. Februar, versammelte sich die Hamburger Bevölkerung zu einer Trauerfeier für die Opfer auf dem Rathausplatz. Weit über 100.000 Menschen waren gekommen. Abordnungen aus dem Rettungswerk flankieren das Podium, auf dem sich Vertreter des Bundestages, der Bundesregierung, der Kirchen, der Länderregierungen und das Konsularkorps versammelt hatten. Vor dem Podium saßen in einem Geviert die Hinterbliebenen. Die Glocken aller Hamburger Kirchen läuteten die Feier ein.

Bundespräsident Heinrich Lübke: „Wir gedenken in stiller Fürbitte unserer Toten, die der Flut zum Opfer fielen. Möge Gott ihnen seinen Frieden und ihren Angehörigen seinen Trost schenken.

Bildergalerie



Fotos: Peter Allgeier, Günther Mewes.

Quellenangaben:
Die große Flut 1962, Schulbehörde Freie und Hansestadt Hamburg, 1962.
Sturmfluten und Hochwasserschutz in Hamburg, Baubehörde Freie und Hansestadt Hamburg, 1992.
De Kössenbitter, Mitteilungsblatt des Kulturkreises Finkenwerder.

( Freitag, 27. Februar 2009 )
 
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